Durch das Schlüsselloch: Anekdoten einer Serviette

Henrietta Servietta teilt aus und schildert ungeschönt …

Mein werter Kollege Ladislaus von Wusel hat ja vor einiger Zeit schon aus dem Nähkästchen geplaudert, verriet er mir im Vertrauen. Nun bin ich an der Reihe!

Ich darf mich kurz vorstellen: Ich heiße Henrietta Servietta und bin strahlend weiß. Den ganzen Tag über werde ich betatscht, begrapscht, gefaltet und zum Abwischen verwendet. So blitzeblank und strahlend weiß ich anfangs bin, so fleckig und schmutzig fühle ich mich am Abend. Da hilft nur noch eine wohltuende Massage in der Waschtrommel, und im Nu fühle ich mich wieder rein wie Meister Proper!

An guten Tagen werde ich für aufwändige Falttechniken verwendet und darf das eine oder andere Mal sogar das zarte Schnütchen einer Braut abtupfen. An anderen Tagen werde ich zum langweiligen Spitz gefaltet und muss meine „Frau“ stehen. Zu meinem Pech bekomme ich dann nicht einen hübsch geschminkten rosa Mund zum Liebkosen, sondern ein behaartes Männergesicht, auf dem sich unzählige Essensreste nebeneinander reihen. So ein Schnäuzer ist echt ein Abtörner, so viel kann ich euch verraten!

Was eine Serviette so alles zu Gesicht bekommt

Wenn Henrietta den Koch erschmeckt …

Mmmh … herrlich! Überall im Restaurant verbreitet sich der Duft gerösteter Zwiebeln. Ich rieche förmlich, wie das Fleisch scharf angebraten wird, damit sich ein Bratenrückstand in der Pfanne bildet. Nun kommt der Wein in die Pfanne ¬ zisch! Oh ja, wie es dampft! Da würde ich jetzt gerne die Abzugshaube sein. Da hat man ja schon ein kleines Damenspitzerl vom Riechen! Aber ich warte geduldig, bis der Zwiebelrostbraten mit feinem Soßerl serviert wird und der werte Herr seinen Mund an mir abwischt. Leckerschmecker, da läuft mir jetzt schon das Wasser im Mund zusammen!

ENDLICH! Das Essen wird serviert, der Gast haut so richtig rein und jetzt kommt mein großer Auftritt … Aber Moment! Was ist das? Oh nein, heute war wieder Dimitri am Werk. Unser russischer Koch ist normalerweise eine Koryphäe am Herd, aber derzeit versalzt er fast jede feine Soße. Hach, aber wenn Verliebtsein doch so etwas Schönes ist! Ihm sei verziehen …

Und Action, mein Einsatz am Tisch

Aber wenn ich losgelassen werde und meinen Auftritt am Tisch habe, dann heißt es: warm anziehen! Sanfte Hände falten mich adrett und verleihen mir mit einem edlen Serviettenring das gewisse Etwas. Ich bin sozusagen der Star am Tisch und stelle Kerzenhalter und Weingläser mit meiner Präsenz ganz klar in den Schatten.

Aber wehe, ich werde ignoriert! Manche Gäste sehen Servietten nämlich als überflüssig an. Wie kann man nur!? Erstens zeugt es von mangelnder Tischkultur, wenn man nicht weiß, wozu eine Serviette da ist. Zweitens schickt es sich nicht, sich in das Tischtuch zu wischen oder andernfalls die Hand zur Hilfe zu nehmen. Also bitte: Manieren, liebe Gäste!

Bei vielen Kunden bin ich auch nur der Notnagel. Wie ihr das verstehen könnt? Ganz einfach, wenn die Stimmung angeheitert ist oder aus Unachtsamkeit das Glas Rotwein umkippt, dann wird einfach die gute Henrietta zur Hand genommen. Natürlich ist den werten Herrschaften egal, ob die Rotwein-flecken wieder rausgehen oder nicht. Hauptsache, die eigene Kleidung bekommt nichts ab. Vielen Dank!

Manche gehen noch einen Schritt weiter und lassen mich gleich auf den Boden fallen. Hallo!? Auch Servietten haben Gefühle und wollen sich gebraucht fühlen. Beim nächsten Mal bitte etwas sorgsamer umgehen mit den kleinen Tisch-Helferlein!

So – genug „gesudert“, wie wir in Österreich so schön sagen. Ich wollte euch nur mal vor Augen führen, dass das Leben einer Serviette auch durchaus beschwerlich sein kann. Ich bin ja nicht alleine. Meine Kollegin Frau Kochjacke erlebt auch allerhand Sachen, um die ich sie weiß Gott nicht beneide. Aber dazu mehr in der nächsten Anekdote!

Anmerkung der Redaktion:
Alle Personen, Gegenstände und Situationen in der Anekdote sind frei erfunden und ein Hirngespinst Henrietta Serviettas. Sollten euch Parallelen zu euren Job-Situationen aufgefallen sein, ist das reiner Zufall. Aber vielleicht steckt ja doch ein kleines Fünkchen Wahrheit darin, oder?

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